Tagebuch, 27. Februar
Draußen in der Schwärze scheinen weiße Punkte so hell, dass sie blenden. Der größte Kreis ist der Mond mit seiner vernarbten Oberfläche, den Kratern und Meeren. Seit vierzig Jahren war kein Mensch mehr dort.
Daneben leuchten Jupiter und noch ein Planet – vielleicht die Venus, ich habe keine Ahnung. Was ich habe, ist dieses billige Teleskop aus Plastik, das ich mal für ein paar Euro im Internet gekauft habe. Ich wische den Staub ab, suche das Stativ und schraube das Teleskop drauf. Auch das Stativ hat nicht viel Geld gekostet, es wackelt und droht jeden Augenblick einzustürzen. Mit dieser Konstruktion versuche ich nun, den Mond zu betrachten, was noch recht leicht ist. Der Mond ist groß und nicht zu verfehlen. Das Flimmern der Atmosphäre stört die Sicht, ansonsten ist die Luft absolut klar.
Eine echte Herausforderung ist nun, den den hellen Punkt neben dem Mond anzuvisieren. Das ist Jupiter mit seinen kleinen Monden. Es dauert einige Minuten und viel Geduld, den Gasriesen zu erfassen, das Teleskop ist wirklich von einfachster Bauart und das Stativ wackelt und zittert vor sich hin. Am liebsten würde ich es in tausend Stücke zerschlagen!
Endlich taucht die gelbliche Scheibe auf, sie ist umgeben von winzigen Punkten. Sekunden vergehen, plötzlich verschwindet alles, das All gerät ins Taumeln. Ich bin gegen das Stativ gestoßen.
Und noch mal von vorne. (Unsinn, ich gucke lieber Apollo 13.)
Vier Buchstaben und ein Todesfall
Ein Brief vom ADAC. Darin so: «Sie wissen ja, es ist schnell passiert:» – also, eigentlich weiß ich gar nichts – «Ein falscher Tritt beim Joggen und schon findet der Urlaub ohne Sie statt».
Moment mal, woher wissen die, dass ich jogge? Hat man mich beobachtet, waren sie mir gefolgt? Mir war doch so, neulich, als ich alleine in der Dämmerung durch den Wald rannte! Neugierige Augen, ein Mann im Mantel, mit Fernglas und Notizblock. Im Müll finden sie leere Flaschen: Iso-Getränke!
Ist das eine Drohung? Das nächste Mal, wenn ich irgendeine Landstraße entlang laufe, es regnet ein bisschen, niemand zu sehen, weit und breit. Zwei Lichter, ein Auto. Ein gelbes Auto. Es kommt näher. Schwarze Buchstaben auf dem Lack: ADAC. Es kommt näher, und ich lege lieber einen Zahn zu.
«Wir empfehlen: Sichern Sie sich am besten noch heute ab.»
Hätte ich doch! Die 28 Euro im Jahr hätten mir meine Beine wert sein müssen. Ein Jogger liegt im Straßengraben. Ein kleiner Bericht in der Lokalzeitung. Ungeklärte Umstände.
Tagebuch, 18. Februar
Ich stehe eine Stunde früher auf als sonst. Es ist kurz nach zehn. Draußen sind Wolken, viele Wolken. Sie kleben zusammen und bilden eine Decke. Oben hellgrau, unten dunkelgrau. Der Asphalt ist feucht.
Im Supermarkt kaufe ich nur Bananen, beim Reingehen rennt mir ein Kassierer hinterher. Ein Agent, es ist soweit, er rammt mir die Spitze seines Regenschirms ins Bein. Gift! Tod in der Frischeabteilung.
Ich überlege, ob ich Kekse kaufen soll.
Der vor mir kauft nur Mülltüten. Bestimmt für Leichenteile. Ganz vorne kippt eine alte Frau ihr ganzes Portemonnaie auf das Band. Hundert Millionen Reichsmark in Münzen, in kleinen Münzen, wir ertrinken fast in ihnen. Die Kassiererin stirbt, sie war so jung. Sie muss jetzt dreiundvierzig Cent zusammenkramen. Einen Cent hat sie schon. Wir warten.
Draußen sind Autos. Am Wochenende müssen die Menschen einen Tag – Sonntag – ohne Konsum aushalten. Viele ertragen das kaum. Ich kaufe lieber auch noch ein: Trinkwasser, Batterien, Taschenlampen, Munition und Zeitschriften.
Gestern Abend, als ich nicht einschlafen konnte, habe ich darüber nachgedacht, wie viele Bücher ich mitnehmen würde, wenn ich zum Mars flöge. Und vor allem: welche. Die Hin- und Rückfahrt, ich meine -flug, dauert drei Jahre. Könnte ich endlich mal Herr der Ringe lesen, dachte ich.
Fahrstuhl des Todes
Acht Wochen lang fuhr ich jeden Tag Fahrstuhl, oft auch mehrmals am Tag. Hoch in den fünften Stock, hoch in den achten, runter in den ersten und schließlich zurück ins «E». (Und nach Hause.) Schnell wurde das zur Sucht. Ohne den täglich Kick des Fahrstuhlfahrens kam ich gar nicht mehr in Gang. Treppen verachtete ich voller Leidenschaft.
Ding!
Und nie war da die berühmte Fahrstuhlmusik. Nur Stille, bis auf das leise Surren der Maschine und das Atmen der Insassen. Selten Gespräche, nie unter Fremden.
Ding!
Heute dann betrat ich nach Wochen das erste Mal wieder die Universität und stieg natürlich auch hier in den Fahrstuhl, in dem sich bereits eine Studentin befand. Die Tür des Stuhls schloss sich und dann – nichts. Es vergingen Sekunden, doch die Kabine bewegte sich nicht. Wir waren wohl stecken geblieben, noch ehe die Fahrt (der Flug) begonnen hatte. Es gab keinen Knopf zur Öffnung der Tür, nur den roten Knopf hinter einer Plastikscheibe. Für den Notfall. War das einer? Wir waren hier drin, in diesem Kasten aus Stahl, aus Metall und Plastik. Wir waren gefangen.
«Wir bewegen uns nicht, oder?», fragte ich sicherheitshalber nach.
«Irgendwie nicht», sagte die Studentin, die sich mir selbst in dieser Krisensituation namentlich nicht vorstellte. Sie merkte an, dass ihr Handy keinen Empfang habe. Klar, dachte ich, du hast ja auch ein iPhone. Mein gutes Nokia E63, das bereits einige Schrammen im Mantel und auf dem Display hat, zeigte mir zwei Balken an (von sechs oder so); sogar 3G, also UMTS. Ich hätte meine Mails abrufen können, Newsletter, Spam, Spam, Spam. Ich wollte aber erst mal niemanden anrufen, auch, weil ich kaum noch Guthaben hatte.
Wissensdurstige Zombiehorden
Es ist unklar, welche Umstände mich herführten – Zufall, Schicksal oder doch nur ein kräftiger Windstoß: Alles ist möglich. Klar ist nur, dass ich mich zwischen den Bücherregalen befinde und so tue, als würde ich mich für all das hier interessieren, für Chemie, für Biologie, für Quantenphysik. Und wenn mich auch sonst eine Begierde nach Informationen treibt, gilt mein Interesse einzig einem Gesicht und braunen Haaren, die an einem eleganten Rücken herabfallen. Der Rücken gehört zum Körper der Buchverkäuferin, die gerade irgendwas in den Computer tippt.
Ich bin nur ein Kunde, ich bin nur irgendjemand. Doch ich will nicht nur einer von hunderten sein, ich will, dass ihr Lächeln nur mir gilt.
Ich muss sie ansprechen, jetzt sofort.
Oder doch lieber morgen?
«Nein, jetzt!», brüllt mir Charles Darwin von einem der Buchcover entgegen. Und in diesem Augenblick taucht am Regalende plötzlich diese bezaubernde Person auf. Ich erschrecke, mit dieser plötzlichen Nähe hatte ich nicht gerechnet. Wie viel Zeit war nur vergangen, wie lange hatte ich vor den Büchern verbracht?
Mein Kopf ist leer, denn mein Gehirn hat sich prompt aus dem Staub gemacht. Ich bin auf mich alleine gestellt.
«Kann ich Ihnen helfen?», fragt sie mich.
«Ich suche nur was zu lesen», sage ich. Und das ist schon eine äußerst originelle Erklärung, wenn man bedenkt, dass ich mich in einem Buchladen befinde. «Eins habe ich schon», ergänze ich stolz und halte tatsächlich ein Buch hoch – kann mich mal bitte jemand stoppen?
«Okay», sagt sie, vielleicht aber auch etwas anderes, vielleicht gar nichts. Sie kehrt zu ihrem Computer zurück. Das hier ist eben keine Bar, in der sie dauerhaft angebaggert wird, das ist die verdammte Fachbuchabteilung, wo man sich höchstens der intellektuellen Lust nach Wissen hingibt.
So sollte das nicht laufen, so kann ich das nicht enden lassen. Zaghaft folge ich ihr und gebe meine Deckung auf. In diesem Moment taucht von rechts ein dürrer Zombie auf, er trägt Halbglatze, sein Resthaar ist blutgetränkt. Er will ebenfalls zu ihr, er ist ein echter Kunde, der sich wirklich für die dicken Wälzer interessiert, ganz besonders für Täterbiografien.
«Sagen Sie mal, haben Sie auch die Himmler-Biografie von Peter Longerich?», fragt er röchelnd und schiebt sich die eckige Brille auf der zerfetzten Nase zurecht. «Die Biografie über Heinrich Himmler – haben Sie die?»
Ein zweiter Zombie kommt rein, auch er hat eine Frage und schon einen Zettel in der Hand. Es passiert alles sehr schnell, ein dritter Greis rempelt mich an, ein vierter niest, ein fünfter justiert seine linke Gesichtshälfte. Und sie alle haben mindestens zwei Fragen, sie alle wollen zu ihr, sie alle wollen ihre Aufmerksamkeit. Der Zustrom an stöhnenden Zombies reißt nicht ab, sie kommen von allen Seiten, hustend und übelriechend. Es ist eine Horde, eine stöhnende Unendlichkeit an Glatzen und Brillen, so viel Fleisch und so viele graue Jacken …
Und ich komme einfach morgen wieder.